Was der Ferrari Luce wirklich beweist
Der erste Elektro-Ferrari wird verspottet - und Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann nickt innerlich. Wer die Reaktion auf den Luce verfolgt hat, kann verstehen, wie er dazu kommt. Das Publikum hat nicht gejubelt, in den Sozialen Netzwerken wurde gewütet, und traditionelle Medien haben nachgelegt. Für den CEO eines Fahrzeugherstellers, der gerade die eigenen E-Auto-Pläne auf Eis gelegt hat, fühlt sich das nach einer Bestätigung an.
Aber eine Bestätigung wofür genau? Denn was Menschen am Ferrari Luce tatsächlich stört und was Winkelmann daraus ableitet, sind zwei grundverschiedene Dinge.
Worum geht es bei der Ferrari-Luce-Kritik wirklich?
Fast ausschließlich ums Design - und das ist der entscheidende Punkt.
Der Ferrari Luce wurde nicht von einem Automobildesigner entworfen, sondern von Jony Ive - dem Mann, der bei Apple das iPhone, das MacBook und den iPod geformt hat. Das Ergebnis sieht entsprechend aus: fließende Linien, weiche Formen, minimalistische Oberflächen. Glatt. Gefällig. Und für viele Ferrari-Fans schlicht falsch.
Was an einem Ferrari bisher alelrdings ausgemacht hat, ist das Gegenteil davon: Kanten, Aggressivität, eine Karosserie, die auch im Stand so wirkt, als würde sie gleich vorpreschen. Der Luce liefert das nicht. Stattdessen bekam die Welt einen aufgeräumten Designgegenstand, der optisch eher an ein überdimensioniertes Lifestyle-Produkt erinnert als an einen Supersportwagen aus Maranello. Der Spott im Netz war schnell da.
Was dabei bemerkenswerterweise fehlt: Kritik am Antrieb. Die über 1.000 PS des Elektromotors spielen in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Ferrari-CEO Benedetto Vigna hat das Kundeninteresse inzwischen öffentlich verteidigt - Berichte sprechen von rund 250 bereits abgeschlossenen Kaufverträgen und davon, dass der Luce bis Ende 2027 ausverkauft sein soll. Das Publikum, das sich das Auto leisten kann, scheint weniger skeptisch zu sein als das Publikum, das darüber diskutiert. Zur Erinnerung: Der Luce soll 550.000 Euro kosten!
Die Kritik bezieht sich also nicht auf das Elektroauto. Sie betrifft einen Ferrari, der aufgehört hat, wie ein Ferrari auszusehen.
Zieht Lamborghini die richtigen Schlüsse?
Nein - und der Denkfehler ist eigentlich offensichtlich.
Winkelmann hat aus den Reaktionen auf den Luce abgeleitet, dass sein Unternehmen mit dem Verzicht auf ein vollelektrisches Modell richtig liegt. Die Botschaft, die er gegenüber dem Sender CNBC sendete, war klar: Die Kunden wollen das nicht, die Plug-in-Hybrid-Strategie war die richtige Entscheidung. Innovation dürfe nicht unter Zwang entstehen.
Das klingt vernünftig. Es ist aber eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.
Die Kritik am Luce war keine Kritik an Elektroantrieben in Supersportwagen. Sie war eine Kritik an einem Auto, das seine Marken-DNA gegen ein Designkonzept eingetauscht hat, das aus dem Silicon Valley stammt und nicht aus Maranello.
Ein Lamborghini mit Elektromotor, aber mit dem typischen Lamborghini-Auftritt - kantiger Karosserie, aggressiver Optik, unverkennbarer Handschrift - würde mit hoher Wahrscheinlichkeit keine solche Kritik hervorrufen.
Lamborghini hat seinen Lanzador als vollelektrisches Modell gestrichen. Er kommt jetzt als Plugin-Hybrid. Das ist eine legitime kurzfristige Entscheidung - aber sie auf die Luce-Debatte zu stützen, ist eine Fehlinterpretation. Winkelmann verwechselt Designkritik mit Antriebskritik. Und das ist ein Unterschied, der strategisch erheblich ist. Wir sind gespannt, ob Lamborghini sich hier langfristig nicht ins eigene Fleisch schneiden wird.
Fazit: Was Lamborghini-CEO Winkelmann übersieht
Marken-DNA ist keine Frage des Antriebs - sie ist eine Frage der Haltung. Was der Ferrari Luce beweist, ist nicht, dass Elektroautos und Supersportwagen nicht zusammenpassen. Es beweist, dass Kunden es spüren, wenn eine Marke aufhört, sie selbst zu sein.
Das ist eine Lektion, die Lamborghini eigentlich zu seinem Vorteil nutzen könnte. Stattdessen liest Winkelmann aus der Debatte das heraus, was am bequemsten zur bereits getroffenen Entscheidung passt. Die PHEV-Strategie mag kurzfristig solide sein. Aber wer seine Zurückhaltung gegenüber Elektroantrieben mit einem Designskandal begründet, baut auf einem Fundament, das nicht trägt.
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Simona Marino
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