Wenn aus E-Auto-Sorgen echte Erfahrungen werden
Reichweite, Laden, Kosten: Vor dem Kauf eines Elektroautos beschäftigen viele Menschen genau die Themen, die in der öffentlichen Diskussion seit Jahren besonders präsent sind. Wer bereits elektrisch fährt, bewertet manches davon später jedoch deutlich weniger kritisch. Gleichzeitig fällt das Gesamturteil der befragten E-Auto-Fahrer ausgesprochen positiv aus.
Die aktuelle BDEW-Nutzerumfrage zur Elektromobilität zeigt damit vor allem eines: Zwischen den Erwartungen vor dem Umstieg und den Erfahrungen im Alltag liegt bei mehreren zentralen Punkten eine deutliche Lücke. Eine weitere Untersuchung aus dem Sommer 2026 weist aus einer anderen Perspektive in dieselbe Richtung.
Wie groß diese Unterschiede tatsächlich sind und welche Sorgen nach dem Kauf noch übrig bleiben, zeigen die Ergebnisse im Detail.
Würden E-Auto-Fahrer wieder ein Elektroauto kaufen?
Ja. 94 Prozent der Befragten würden sich erneut für ein E-Auto entscheiden. Ebenso viele würden ein Elektroauto grundsätzlich weiterempfehlen.
Beim Wiederkauf fällt das Urteil deutlich aus: 66 Prozent antworten mit „ja, auf jeden Fall“, weitere 28 Prozent mit „eher ja“. Nur 6 Prozent würden sich heute eher oder sicher gegen ein E-Auto entscheiden. Bei der Weiterempfehlung ist das Bild ähnlich: 60 Prozent würden ein Elektroauto uneingeschränkt empfehlen, 34 Prozent eher schon.
Auffällig ist außerdem der Zusammenhang mit der bisherigen E-Auto-Erfahrung. Unter den Befragten mit weniger als zwei Jahren Erfahrung würden 56 Prozent ein Elektroauto auf jeden Fall weiterempfehlen. Bei zwei bis drei Jahren sind es 58 Prozent, bei mehr als drei Jahren 71 Prozent. Die Umfrage zeigt damit zwar keine individuelle Entwicklung über die Zeit, wohl aber eine besonders hohe Zustimmung unter den erfahrensten E-Auto-Fahrern.
Wie verändern sich Sorgen um Reichweite, Laden und Kosten nach dem Kauf?
Sehr stark. Mehrere der wichtigsten Bedenken vor dem Kauf verlieren im späteren Alltag deutlich an Bedeutung. Vergleichsweise hartnäckig bleibt vor allem der Wertverlust.
Vor der Kaufentscheidung beschäftigte die Reichweite 66 Prozent der Befragten und war damit das am häufigsten genannte Thema. Es folgten das Laden zu Hause mit 57 Prozent sowie Betriebs- und Anschaffungskosten mit jeweils 48 Prozent. Die Verfügbarkeit öffentlicher Ladesäulen nannten 39 Prozent, deren Anzahl 35 Prozent und das Bezahlen an der Ladesäule 34 Prozent.
Nach dem Kauf fällt die Bewertung vieler dieser Punkte deutlich milder aus. Von denjenigen, die sich zuvor mit der Reichweite beschäftigt hatten, sehen heute nur noch 3 Prozent darin ein großes und 9 Prozent ein kleines Problem. Beim Laden zu Hause sind es zusammen 6 Prozent, bei den Betriebskosten 8 Prozent. Deutlich hartnäckiger ist der Wertverlust: Von den Befragten, die ihn bereits vor dem Kauf genannt hatten, bewerten ihn heute 15 Prozent als großes und 24 Prozent als kleines Problem.
Für die Einordnung ist die Fragestellung wichtig. Die heutige Bewertung wurde jeweils nur jenen Personen gestellt, die das betreffende Thema schon bei der Kaufentscheidung genannt hatten. Die Werte zeigen also nicht, welcher Anteil aller E-Auto-Fahrer aktuell ein bestimmtes Problem sieht, sondern wie sich die Einschätzung eines zuvor relevanten Themas nach eigener Nutzung verändert hat.
Eine Untersuchung von ADAC Hessen-Thüringen und der Frankfurt University of Applied Sciences aus dem Sommer 2026 weist beim Thema Reichweite in dieselbe Richtung. Dort äußerten 71 Prozent der befragten Verbrenner-Fahrer große bis sehr große Sorgen, dass die Reichweite eines E-Autos für eine Urlaubsfahrt nicht ausreichen könnte. Unter den E-Auto-Fahrern waren es nur 5 Prozent. Die Untersuchung war nicht repräsentativ und bezog sich speziell auf Urlaubsreisen, ergänzt den BDEW-Befund aber aus einer anderen Perspektive: Ohne eigene E-Auto-Erfahrung wird die Reichweite deutlich kritischer eingeschätzt als von Menschen, die bereits elektrisch fahren.
Auch beim öffentlichen Laden fällt die Erfahrung der befragten E-Auto-Fahrer überwiegend positiv aus. Von den 775 Teilnehmern, die mindestens einen öffentlichen Ladeort nutzen, bewerten 91 Prozent das Angebot mindestens so gut wie erwartet. 55 Prozent sagen sogar, dass die vorhandenen Ladepunkte ihre Erwartungen übertreffen. Welche konkreten Erwartungen dabei ausschlaggebend waren, schlüsselt die BDEW-Nutzerumfrage allerdings nicht auf.
Andere Antworten der Befragten geben zumindest Hinweise darauf, worauf es ihnen beim öffentlichen Laden ankommt. Bei der Wahl des Ladeorts zählt für 46 Prozent vor allem, ob er zur Route passt. Für 43 Prozent ist die Ladeleistung entscheidend, für 34 Prozent der Ladepreis. Der Anbieter der Ladesäule spielt mit 23 Prozent eine geringere Rolle.
Auch beim Bezahlen stehen einfache Abläufe und Kosten weit oben. 82 Prozent der öffentlich Ladenden nutzen eine Lade-App oder Ladekarte mit hinterlegtem Zahlungsmittel. 58 Prozent begründen das mit einem einfacheren Ladevorgang, 43 Prozent mit günstigeren Preisen und 38 Prozent mit transparenten Abrechnungen. 36 Prozent schätzen zusätzliche Unterstützung durch die App, 35 Prozent wollen ihren Preis bereits vor dem Laden kennen.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass öffentliches Laden problemlos funktioniert. Die Ergebnisse zeigen aber, dass auch dieser vor dem Kauf häufig diskutierte Bereich von der großen Mehrheit der befragten Nutzer im Alltag mindestens so gut bewertet wird, wie sie es zuvor erwartet hatte.
Fazit: E-Auto-Sorgen und Alltag liegen oft weit auseinander
Die BDEW-Nutzerumfrage zeichnet kein Bild einer Elektromobilität ohne Probleme. Sie zeigt aber, dass mehrere der klassischen Bedenken vor dem Kauf im späteren Alltag deutlich an Gewicht verlieren. Besonders bei Reichweite, Laden zu Hause und Betriebskosten fällt die tatsächliche Erfahrung vieler Befragter weniger problematisch aus als die ursprüngliche Einschätzung.
Dazu passt die frühere ADAC-Untersuchung: Auch dort bewerteten Menschen ohne eigene E-Auto-Erfahrung die Reichweite wesentlich kritischer als E-Auto-Fahrer. Zwei unterschiedlich angelegte Befragungen weisen damit in eine ähnliche Richtung. Zwischen der Wahrnehmung vor dem Umstieg und den Erfahrungen nach dem Umstieg besteht bei zentralen E-Auto-Themen eine deutliche Lücke.
Einordnen muss man die Ergebnisse dennoch. Der BDEW befragte 1.009 BEV-Fahrer in Deutschland im Juli und August 2026. Die Stichprobe ist hinsichtlich der regionalen Verteilung nach Bundesländern repräsentativ, 83 Prozent der Teilnehmer fahren einen Neuwagen. Aussagen darüber, wie alle deutschen Autofahrer Elektromobilität beurteilen, lassen sich daraus nicht ableiten.
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Simona Marino
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