Was bleibt vom E-Auto-Akku nach 100.000 Kilometern?
Kaum ein Thema sorgt beim Gebrauchtwagenkauf für mehr Kopfzerbrechen als die Frage nach dem Akkuzustand. Reicht die Reichweite noch für den Alltag? Lohnt sich der Kauf trotz hoher Laufleistung? Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, stößt schnell auf hartnäckige Vorurteile.
Eine umfangreiche Auswertung aus Schweden liefert Zahlen, die diese widerlegen: Tausende reale Batterietests wurden ausgewertet und sie zeigen, wie sich die Kapazität von E-Auto-Akkus über die Zeit tatsächlich entwickelt hat. Ergänzt um weitere unabhängige Studien, ergibt sich ein Bild, das die weitverbreitete Sorge vor kurzlebigen Elektroauto-Akkus deutlich relativiert.
Wie wurde die Batteriegesundheit der E-Autos gemessen?
Der Gebrauchtwagenhändler Carla hat dafür knapp 10.000 Batterietests ausgewertet, die zwischen 2022 und 2026 in Schweden durchgeführt wurden.
Gemessen wurde mit der Diagnosetechnik von Aviloo, einem auf Batterietests spezialisierten Unternehmen. In die Auswertung flossen nur Modell- und Batterievarianten ein, für die genügend Testdaten vorlagen. Die Prozentwerte geben an, wie viel der ursprünglichen Batteriekapazität nach mehr als 100.000 Kilometern im Schnitt noch vorhanden ist. Interessant dabei: Die Unterschiede zeigen sich nicht nur zwischen den Fahrzeugmodellen selbst, sondern teilweise auch innerhalb eines Modells – je nachdem, von welchem Zulieferer der Akku stammt oder auf welchem Stand die Software ist.
Welche E-Autos haben nach 100.000 km die langlebigsten Akkus?
Die Top 5 der Auswertung teilen sich auf vier Marken auf - und zeigen, dass kleinere, ältere Akkus nicht automatisch schlechter altern als große, neue.
1. Kia e-Niro (64 kWh): Mit durchschnittlich 97,25 Prozent verbliebener Kapazität liegt der e-Niro knapp vorn. Nach mehr als 100.000 Kilometern fehlen im Schnitt nicht einmal drei Prozent der ursprünglichen Kapazität.
2. Hyundai Kona Elektro (64 kWh): Der technisch eng verwandte Kona folgt mit 97,18 Prozent auf dem zweiten Platz - der Unterschied zum e-Niro ist minimal.
3. Kia EV6 (77,4 kWh): Als erstes Modell mit deutlich größerem Akku knackt der EV6 mit 95,95 Prozent die 95-Prozent-Marke.
4. Volvo XC40 Recharge (69 kWh): Mit 94,70 Prozent verbliebener Kapazität verpasst der XC40 das Podium nur knapp.
5. Polestar 2 (78 kWh, CATL): Bei den guten 94,35 Prozent zeigt sich zugleich, wie stark der Akkulieferant ins Gewicht fallen kann: Der Polestar 2 schneidet mit einem Akku von LG Chem schlechter ab (siehe Tabelle).
Die restlichen Modelle der Akku-Auswertung im Überblick:
Die drei Tesla-Model-3-Varianten am Tabellenende zeigen, wie unterschiedlich sich Zellchemie und Akkuhersteller selbst innerhalb eines Modells auf die Batteriegesundheit auswirken können.
Was zeigen andere Studien zur Akku-Langlebigkeit?
Mehrere unabhängige Untersuchungen aus den vergangenen Monaten bestätigen im Kern, was die Carla-Daten zeigen: E-Auto-Akkus altern deutlich langsamer, als lange befürchtet.
Die Unternehmensberatung P3 hat gemeinsam mit Aviloo Daten von mehr als 7.000 Fahrzeugen und über 60.000 Batterietests ausgewertet. Das Ergebnis passt zur Carla-Rangliste: Der Kapazitätsverlust fällt in den ersten rund 30.000 Kilometern am stärksten aus, danach flacht die Kurve deutlich ab. Selbst bei Laufleistungen von mehr als 200.000 Kilometern behalten die meisten Akkus laut P3 noch über 80 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität.
Der Telematikanbieter Geotab kommt bei einer Auswertung von mehr als 22.700 Fahrzeugen zu einer durchschnittlichen jährlichen Degradation von 2,3 Prozent. Besonders aufschlussreich: Laut Geotab beeinflusst vor allem das individuelle Ladeverhalten, wie schnell ein Akku altert. Wer überwiegend an der Wallbox lädt, kommt auf spürbar geringere Verlustraten als jemand, der regelmäßig Schnellladesäulen mit mehr als 100 kW nutzt.
Auch die Wissenschaft liefert Rückenwind: Das SLAC-Stanford Battery Center hat Akkus unter alltagsnahen, wechselnden Lade- und Ruhephasen getestet statt unter konstanter Laborbelastung. Ergebnis: Unter realistischen Nutzungsbedingungen altern die Zellen langsamer, als es klassische Labortests bislang vermuten ließen.
Auch ein Praxistest liefert einen konkreten Beleg dafür. Im ADAC-Dauertest legte ein VW ID.3 mehr als 160.000 Kilometer zurück, davon viele an Schnellladesäulen und mit regelmäßiger Vollladung auf 100 Prozent. Trotz dieser eher akkuschädlichen Nutzung lag der gemessene Zustand am Ende bei 91 Prozent, die reale Reichweite blieb über die gesamte Testdauer weitgehend stabil.
Was bedeuten die Ergebnisse für den Kauf eines gebrauchten E-Autos?
Wer ein gebrauchtes E-Auto kauft, sollte sich auf einen unabhängigen Batterietest verlassen, Studien liefern nur Durchschnittswerte.
Wie fit ein konkreter Akku tatsächlich ist, hängt von Alter, Nutzung und den bisherigen Betriebsbedingungen ab. Zwei baugleiche Fahrzeuge mit ähnlicher Laufleistung können also durchaus unterschiedlich dastehen, je nachdem wie sie geladen und gefahren wurden. Ein unabhängiger Test zeigt den tatsächlichen Zustand des jeweiligen Fahrzeugs und macht Werksangaben oder pauschale Erfahrungswerte überflüssig. Ein Aviloo-Test kostet vergleichsweise wenig und ist angesichts der Tragweite der Kaufentscheidung gut investiertes Geld.
Sinnvoll ist außerdem ein genauer Blick auf Akkuhersteller, Batteriegröße und Softwarestand, denn wie die Rangliste zeigt, können sich diese Details selbst innerhalb eines Modells spürbar auf die Batteriegesundheit auswirken.
Fazit: Akkus sind kein Grund mehr, um E-Autos zu misstrauen
Die Zahlen aus Schweden zeigen, dass die Angst vor einem schnell verschleißenden Akku bei vielen aktuellen E-Autos unbegründet ist. Selbst der schwächste Akku hat nach mehr als 100.000 Kilometern noch deutlich über 90 Prozent seiner ursprünglichen Kapazität übrig, die Spitzenreiter verlieren im Schnitt kaum mehr als zwei bis drei Prozent.
Zusammen mit den Ergebnissen von P3, Geotab, Stanford und dem ADAC ergibt sich ein stimmiges Bild: Moderne Lithium-Ionen-Akkus altern langsamer und gleichmäßiger, als es das Vorurteil vom kurzlebigen E-Auto-Akku lange nahelegte. Wer heute ein gebrauchtes E-Auto mit hoher Laufleistung in Betracht zieht, muss also nicht automatisch mit einem schwachen Akku rechnen, sollte den Zustand aber trotzdem individuell prüfen lassen.
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Simona Marino
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