Wenn ein Türgriff über Leben und Tod entscheidet
Ein Bauteil, dessen Design bisher als besonders schick und aerodynamisch galt, sorgt gerade für einen der größten Rückrufe der Autogeschichte. Ein kleines technisches Detail hat bereits mehrfach Menschenleben gekostet, in China ebenso wie in Deutschland. Wir erklären, worum es bei dem aktuellen Tesla-Rückruf wirklich geht, warum das Teil zur Gefahr werden kann und welche Konsequenzen China daraus jetzt zieht.
Warum ruft Tesla in China fast drei Millionen Fahrzeuge zurück?
Weil die mechanische Notentriegelung der Türen schwer zu finden ist.
Konkret ruft Tesla insgesamt 2.975.910 Fahrzeuge der Modelle Model 3, Model Y, Model S und Model X zurück, sowohl in China produzierte als auch importierte Einheiten. Der Grund: Die Notentriegelung ist im Ernstfall kaum zu finden, sie verschwindet farblich fast in der Innenverkleidung. Fällt nach einem schweren Unfall die Stromversorgung aus, funktioniert die normale, elektrische Türöffnung nicht mehr, und diese eine, schwer auffindbare Notentriegelung bleibt die letzte Möglichkeit, die Tür zu öffnen. Genau das kann im Zweifel Menschenleben kosten.
Wo befindet sich die mechanische Notentriegelung bei Tesla-Fahrzeugen?
Je nach Modell hinter der Türverkleidung oder unterhalb der Sitze.
Bei manchen Tesla-Modellen sitzt der mechanische Hebel oder Seilzug in der Türverkleidung versteckt, bei anderen befindet er sich unterhalb der Sitzfläche. Wer sein Fahrzeug im Alltag nur über die elektrischen Tasten öffnet, wird diese Notentriegelung womöglich noch nie zu Gesicht bekommen haben, geschweige denn wissen, wo genau sie sitzt. Unter Stress, mit Rauch im Fahrzeug oder Dunkelheit nach einem Unfall bleibt aber kaum Zeit, ein unbekanntes Bauteil an einer unbekannten Stelle zu ertasten. Wer als Tesla-Fahrer sichergehen will, sollte sich deshalb schon jetzt im Handbuch oder direkt im eigenen Auto zeigen lassen, wo sich die Notentriegelung bei jeder einzelnen Tür befindet, nicht nur beim eigenen Sitzplatz.
Gab es bereits Todesfälle wegen der Tesla-Türgriffe?
Ja, einige in China und auch schon in Deutschland.
Laut chinesischen Behörden gab es dort bereits mehrere Unfälle, bei denen Insassen durch versagende elektrische Türgriffe schwere Verbrennungen erlitten, in einigen Fällen mit tödlichem Ausgang. Auch in Deutschland ist das kein theoretisches Szenario. Im September 2025 starben bei Schwerte in Nordrhein-Westfalen ein Mann und zwei Kinder in den Flammen ihres Teslas, nachdem sich die Türen nach dem Aufprall nicht mehr öffnen ließen. Laut einem Gutachten hatte die automatische Tür- und Fensteröffnung versagt, warum genau, konnte nicht geklärt werden. Ein Zeuge versuchte, die Kinder aus dem brennenden Wagen zu ziehen, kam aber ebenso wenig an die Türen heran wie die anschließend eintreffende Feuerwehr. Ein weiteres Kind überlebte nur, weil eine Tür durch die Wucht des Aufpralls aufgerissen wurde. Bereits 2022 gab es in Brandenburg einen ähnlichen Fall: Zwei 18-Jährige verbrannten in einem Tesla Model S, dessen hintere Türen sich weder von innen noch von außen öffnen ließen. Ein Gutachten stellte fest, dass die Türgriffe wegen des Stromausfalls gar nicht erst ausgefahren waren.
Was unternimmt Tesla gegen das Problem?
Warnhinweise und ein OTA-Update zur automatischen Fensterabsenkungsollen helfen
Ab dem 25. September 2026 bringt Tesla an den betroffenen Fahrzeugen kostenlos zusätzliche Warnhinweise an, damit sich die Notentriegelung im Ernstfall schneller finden lässt. Fahrzeuge, die solche Hinweise bereits haben, müssen im Rahmen des Rückrufs nicht nachgerüstet werden. Parallel dazu liefert Tesla ein Software-Update per Funk aus, das nach einem Unfall automatisch alle Fenster vollständig öffnet, nicht nur einen kleinen Lüftungsspalt, wie es die bisherige, ältere Sicherheitsfunktion bei Airbag-Auslösung vorsah. Damit soll zumindest ein zusätzlicher Fluchtweg entstehen, selbst wenn die Notentriegelung im Ernstfall nicht rechtzeitig gefunden wird.
Wie reagiert China insgesamt auf das Problem, und was ändert sich ab 2027?
Neun Hersteller müssen nachbessern, ab 2027 sind versenkbare Türgriffe bei neuen Modellen verboten.
Tesla ist mit dem Problem nicht allein. Insgesamt haben neun Autohersteller bei der chinesischen Marktaufsicht SAMR Rückrufpläne eingereicht, zusammen betrifft das rund 4,27 Millionen Fahrzeuge. Neben Tesla sind das Xiaomi, Leapmotor, Xpeng, Zeekr, Chery, Dongfeng, BAIC und FAW, mit Stückzahlen von rund 390.000 bei Xiaomi bis hinunter zu knapp 12.000 bei FAW.
Über den akuten Rückruf hinaus zieht China auch langfristig Konsequenzen. Der neue, verbindliche Standard GB 48001-2026 tritt am 1. Januar 2027 in Kraft und verbietet ab dann bei neu typgenehmigten Fahrzeugmodellen rein elektrisch versenkbare Türgriffe ohne verlässliche mechanische Alternative. Konkret muss jede Seitentür künftig sowohl von innen als auch von außen mechanisch geöffnet werden können, der innere Notgriff muss dabei gut sichtbar sein, und der äußere Griff braucht ausreichend Platz zum Greifen. Bereits genehmigte Modelle, die schon auf dem Markt sind, bekommen bis zum 1. Januar 2029 Zeit, um auf diese Vorgaben umzurüsten.
Widerstand auf lokaler Ebene: Klimaschutz von unten
In den USA gibt es eine starke Bewegung auf lokaler Ebene, die trotz Trumps Politik an Klimaschutzmaßnahmen festhält. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien sowie Großunternehmen wie Google und Amazon setzen ihre Klimaziele weiter um. Diese Akteure werden die Nachfrage nach erneuerbaren Energien in den USA hochhalten und als Verbündete für globale Klimainitiativen auftreten. Sie zeigen, dass Klimaschutz nicht nur auf Bundesebene stattfinden kann, sondern auch in kleinen Schritten durch Städte, Bundesstaaten und Unternehmen umgesetzt wird.
Fazit: Ein Rückschritt fürs Design, ein Fortschritt für die Sicherheit
Der Fall zeigt, wie aus einem Designtrend ein handfestes Sicherheitsrisiko werden kann. Bündige, elektrisch versenkbare Türgriffe galten als cleveres Detail für bessere Aerodynamik und ein cleanes Erscheinungsbild, gerade bei E-Autos. Dass sie im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden können, wurde dabei offenbar zu lange hintangestellt. Mit dem Rückruf und dem kommenden Standard zwingt China die gesamte Branche, Sicherheit wieder vor reine Optik zu stellen. Für Europa wäre eine vergleichbare Regelung ebenfalls ein sinnvoller Schritt, denn versenkbare Türgriffe ohne verlässliche mechanische Rückfalloption sind hierzulande bislang weiterhin uneingeschränkt zulässig.
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Simona Marino
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