Gratis-Strom mit Bedingungen
Wer in den Sommerferien an einem Schnelllader steht, kennt es: Das Fahrzeug quält sich durch die letzten 20 %, während die Warteschlange dahinter wächst. Ionity belohnt nun E-Auto-Fahrer mit Gratis-Strom, die früher abstecken oder nachts laden. Was technisch dahintersteckt und ob der Bonus das eigentliche Problem an den Ladesäulen löst, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen.
Was ist der Ionity Fast Lane Reward?
Der Fast Lane Reward schreibt Ladevorgängen zwischen 9 und 17 Uhr eine Gutschrift von 5 kWh gut, sofern das Auto vor 85 Prozent Ladestand vom Ladepunkt getrennt wird.
Wer die "80 % geladen"-Benachrichtigung in der Ionity-App aktiviert hat, wird rechtzeitig gewarnt. Wird das Fahrzeug dann vor 85 Prozent Ladestand getrennt, erfolgt die Gutschrift automatisch. Je nach Tarif entspricht das einem Gegenwert von rund zwei bis drei Euro, nicht viel, aber ein Anreiz. Für beide Programme gilt außerdem eine Mindestladung von 40 kWh pro Ladevorgang. Kurze Ladestopps oder Fahrzeuge mit kleinerer Batterie erreichen die Mindestmenge oft gar nicht erst, die Gutschrift entfällt dann automatisch. Bei kurzen Ladestopps oder bei Fahrzeugen mit kleinerer Batterie wird die 40 kW oft gar nicht erst erreicht, der Bonus wir dann nicht ausbezahlt.
Wie funktioniert der Ionity Off-Peak Reward?
Der Off-Peak Reward belohnt Laden zwischen 22 und 6 Uhr mit demselben 5-kWh-Bonus, unabhängig vom erreichten Ladestand.
Der Bonus gilt für jeden Ladevorgang in diesem Zeitfenster, unabhängig vom Ladestand beim Trennen. Damit entfällt auch die 85-Prozent-Grenze des Fast Lane Reward, wer nachts lädt, kann genauso gut bis 100 Prozent vollladen und bekommt die Gutschrift trotzdem. Auch hier gilt die Mindestladung von 40 kWh. Für alle, die tagsüber unterwegs sind, ist das Zeitfenster in der Praxis natürlich irrelevant.
Warum bricht die Ladeleistung nach 80 Prozent so stark ein?
Weil Lithium-Ionen-Akkus ab etwa 80 Prozent von der Konstantstrom- in die schonendere Konstantspannungsphase wechseln.
Bis ca. 80 % lädt das Fahrzeug mit möglichst hoher, konstanter Leistung, danach schaltet die Batterie schrittweise herunter, um die Zellen vor Überladung zu schützen. Die Ladekurve flacht deshalb spürbar ab, bei den meisten E-Autos dauert das Laden von 80 auf 100 Prozent daher fast so lange wie von 10 auf 80 Prozent. Ähnlich handhaben es auch viele Smartphones, die den Ladevorgang automatisch bei rund 80 Prozent stoppen können, um den Akku zu schonen. Der Nutzer muss dabei nicht selbst eingreifen. Wer ohnehin selten volllädt, verliert also unterm Strich kaum Reichweite, gewinnt aber Zeit. Gerade auf der Langstrecke ist man mit einem kurzen Nachladen später oft schneller am Ziel als mit einer vollen Ladung von Anfang an.
Verkürzt der Bonus die Wartezeiten an den Ladesäulen?
Nur begrenzt, das Bonus-Programm verteilt die Nachfrage besser, schafft aber keine zusätzliche Kapazität.
Im Kern geht es um Durchsatz: Jedes Fahrzeug, das früher abgesteckt wird, verkürzt die Zeit bis zum nächsten freien Ladepunkt für die Wartenden dahinter. An normal ausgelasteten Standorten kann das spürbar helfen. An den Hotspots der Ferienzeit, an denen viele Fahrzeuge gleichzeitig ankommen, stößt das Konzept aber an Grenzen, dort braucht es mehr Ladepunkte, keine cleverere Verteilung der vorhandenen. Dass Ionity das selbst erkannt hat, zeigt eine ergänzende Maßnahme: An 22 der meistfrequentierten Standorte Europas setzt das Unternehmen für den Sommer wieder geschultes Personal ein, die sogenannten Charge Champions, die vor Ort unterstützen. Das ist im Grunde ein Eingeständnis, dass Verhaltensanreize allein die Engpässe nicht auflösen werden. Und selbst dort, wo sie greifen, bringen sie dem Einzelnen nur etwas, wenn genügend andere ebenfalls mitziehen und bei 80 % abstecken.
Fazit: Sinnvoller Anreiz von Ionity, aber kein Ersatz für echten Ausbau
Ionity muss keine neuen Ladepunkte bauen, sondern verteilt die Nachfrage über Anreize um. Dass das funktioniert, und liegt auch an einem echten Fortschritt der E-Mobilität: Moderne Akkus laden bis 80 Prozent so schnell, dass ein kurzer Boxenstopp kaum noch ins Gewicht fällt.
Wann Ionity die Aktion beenden wird, ist nicht bekannt, im Gegenteil, Ionity kündigt für die Zeit nach dem Sommer weitere Programme dieser Art an. Was trotzdem gebraucht werden wird: mehr Ladepunkte an den Standorten, an denen es im Sommer eng wird.
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Simona Marino
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